Das Modell hinter dem Rechner, in Kurzform
Alles, was Temperatur, Chemie und Strömung bewirken, steckt in einer einzigen Zahl: der Reinigungsgeschwindigkeit k. Wie viel Arbeit zu leisten ist, steckt in einer zweiten Zahl: der Reinigungsaufgabe A. Und die ganze Rechnung besteht darin, diese beiden zu vergleichen.
Reinigungsgeschwindigkeit mal Zeit muss mindestens so gross sein wie die Aufgabe. Das ist die ganze Reinigungsgleichung. Alles Weitere sind ihre Bestandteile.
Die Annahme: In jedem Augenblick wird ein fester Anteil des noch vorhandenen Fettes abgelöst, nicht eine feste Menge. Daraus folgt eine Abklingkurve:
Die praktische Folge ist die, an die im Betrieb niemand glaubt: Die ersten neunzig Prozent gehen schnell weg, das letzte Prozent dauert am längsten. Und: Nicht die absolute Fettmenge zählt, sondern das Verhältnis von Anfang zu Ende.
Stellt man die Abklingkurve nach der Bedingung um, dass am Ende höchstens der zulässige Restwert übrig bleiben darf, fällt die Zeit auf die eine Seite und alles Übrige auf die andere:
A ist eine reine Zahl ohne Einheit. Sie fasst zwei Dinge zusammen, die man sonst getrennt bespricht: wie schmutzig das Teil ankommt und wie sauber es weg muss. Genau diese beiden Angaben stehen im Rechner in den Auswahlfeldern.
| Fall | Anforderung | m₀ → m_zul | A |
|---|---|---|---|
| Leichte Ölhaut, abgetropft | Zwischenreinigung, Transportschutz | 200 → 20 | 2,30 |
| Übliche Bearbeitung, beölt | Vor Pulverbeschichtung, Lackierung | 500 → 1 | 6,21 |
| Stark verölt, Ziehteil | Vor Pulverbeschichtung, Lackierung | 1'000 → 1 | 6,91 |
| Fett aufgetragen, konserviert | Kleben, Löten | 2'000 → 1 | 8,29 |
Zwischen der leichtesten und der schwersten Aufgabe liegt Faktor 3,6. So viel mehr Reinigungsarbeit verlangt ein konserviertes Ziehteil vor dem Kleben gegenüber einem leicht beölten Blech vor der Zwischenreinigung, bei identischer Badeinstellung.
Bemerkenswert daran: Doppelt so viel Öl erhöht die Aufgabe nur um ln 2 = 0,69, bei A = 6,2 also um rund 11 %, nicht um 100 %. Die Anforderung wiegt dagegen schwer: Wer den Grenzwert von 20 auf 1 mg/m² senkt, steigert die Aufgabe von 3,22 auf 6,21, also um 93 %.
Jeder der drei Faktoren folgt einem eigenen, aus der Literatur bekannten Gesetz. Sie unterscheiden sich nicht nur in der Stärke, sondern in der Form. Deshalb lassen sie sich nicht gegeneinander aufrechnen wie Äpfel und Äpfel.
T ist die Temperatur in Kelvin (°C + 273,15), R die Gaskonstante (8,314 J/mol·K), EA die sogenannte Aktivierungsenergie, ein Mass dafür, wie temperaturempfindlich der Schmutz ist. In der Praxis kennt man das als RGT-Regel: pro 10 °C etwa doppelte Geschwindigkeit. Das ist dieselbe Aussage, nur gerundet.
Der Rechner verwendet echtes Arrhenius und nicht die Faustregel. Über eine Spanne von 45 °C liegt die Faustregel am oberen Ende rund 18 % zu optimistisch.
Der Exponent a liegt deutlich unter eins: typisch 0,2 bis 0,6. Bei a = 0,5 bringt doppelte Konzentration nur die Wurzel aus 2, also 41 % mehr Geschwindigkeit statt 100 %.
τ ist die Kraft, mit der die Strömung an der Oberfläche zerrt. Sie ist im Betrieb kaum messbar; als Ersatz dienen Strömungsgeschwindigkeit, Düsendruck oder beim Ultraschall die Leistungsdichte.
Zwei Schritte statt einem: Die Grundwirkung μ0 ist das, was ganz ohne Strömung noch abgeht. Sie gehört deshalb an τ = 0 und nicht an den Bezugspunkt. Erst danach wird durch den Wert an der Vorgabe geteilt. Nur so ergibt derselbe Sprung hin und zurück wieder eins.
Der Bezugspunkt ist üblicherweise das ruhende Tauchbad: Merkblätter der Chemielieferanten sind dafür geschrieben. Steht dort „zehn Minuten bei 60 °C", ist Tauchen ohne Warenbewegung gemeint.
Die Zeit steht ausserhalb von k und wirkt deshalb direkt: doppelte Zeit, doppelte Leistung. Bezogen auf eine relative Verstellung ist sie damit der stärkste der vier, stärker als Chemie und Mechanik, die beide gebremst eingehen.
k0 ist die Geschwindigkeit im Bezugspunkt. Im Rechner ist der Bezugspunkt die Vorgabe des Chemielieferanten: Bei genau diesen Werten sind alle drei Faktoren gleich 1, und k ist gleich k0.
Zusammen mit der Aufgabe ergibt das die Bedingung für einen erfolgreichen Schritt:
Der Sinnersche Kreis, vier Sektoren in einem Kreis konstanter Fläche, legt nahe, die vier Anteile ergäben immer dieselbe Summe. Als Bild für die Austauschbarkeit ist das richtig. Als Rechenvorschrift ist es falsch: Die Wirkungen addieren sich nicht, sie verstärken einander. Wer Temperatur und Strömung gleichzeitig anhebt, gewinnt das Produkt, nicht die Summe.
Logarithmiert man das Produkt, wird daraus doch eine Summe, und dann stimmt das Kreisbild:
Das ist der Sinnersche Kreis als Gleichung. Er hatte recht, aber nur im Logarithmus, und nur mit den Gewichten a, b und EA/R, die er selbst nie genannt hat.
Damit lässt sich endlich beantworten, was der Kreis offenlässt: in welchem Verhältnis man tauschen kann. Beide Tabellen werden aus den Formeln oben gerechnet.
| Stellschraube | Änderung | Faktor auf k · t |
|---|---|---|
| Temperatur | +10 °C ab 50 °C | 2,00 |
| Zeit | doppelt so lang | 2,00 |
| Mechanik | doppelte Strömung | 1,59 |
| Chemie | doppelte Dosierung | 1,35 |
Die Zeile Temperatur ist mit den übrigen nicht unmittelbar vergleichbar: Sie zeigt
eine absolute Verstellung um 10 °C, die übrigen eine Verdopplung. „Doppelte
Temperatur" ist keine sinnvolle Grösse.
Die Zeile Mechanik gilt für eine Spritzanlage. Sie ist die einzige, die vom
Ausgangspunkt abhängt: In einem ruhig gefahrenen Tauchbad bringt dieselbe Verdopplung
nur 1,20. Dort kommen bis zu drei Viertel der Reinigung ohnehin ohne Strömung
zustande. Verdoppelt wird nur der Rest.
| Stellschraube | nötige Änderung | Bewertung |
|---|---|---|
| Temperatur | +10,0 °C ab 50 °C | meist am billigsten, oft vom Werkstoff verboten |
| Mechanik | Strömung × 2,8 | Umbau der Anlage, aber dauerhaft |
| Chemie | Dosierung × 4,7 | meist unmöglich oder unwirtschaftlich |
Gerechnet mit a = 0,5 · b = 0,8 · κ₀ = 0,15 · μ₀ = 0,2 · E_A = 62 kJ/mol, Bezugspunkt Spritzen. Aus einem ruhigen Tauchbad heraus wäre für dieselbe Halbierung die 7-fache Strömung nötig statt der 2,8-fachen. Die Temperatur ist der stärkste Hebel, nicht weil ihre Funktionsform besonders wäre, sondern weil 10 °C in dieser Anwendung meist billig zu haben sind.
Der Rechner vergleicht zwei Zustände: die Vorgabe des Lieferanten und den heutigen Ist-Zustand. Beide durchlaufen dieselbe Gleichung, und das Verhältnis ist der Erfüllungsgrad, die Prozentzahl, die auf der Skala steht:
Weil in beiden Brüchen alles ausser den Verhältnissen wegfällt, braucht der Rechner keinen gemessenen Anlagenwert. Daraus folgt schliesslich die Aussage, die im Betrieb zählt: wie weit der Restschmutz über dem Zielwert liegt.
Auch hier kürzen sich die Massen heraus. Deshalb ist eine Angabe in mg/m² nirgends nötig, nur ihr Verhältnis, und das steckt in A.
Die sechs Parameter der Gleichung, k0, a, b, EA, κ0, μ0, sind keine Naturkonstanten. Sie hängen von der Kombination aus Fett, Reiniger und Oberfläche ab. Die im Rechner hinterlegten Werte sind Richtwerte aus der Literatur. Sie tragen die Richtung und die Grössenordnung zuverlässig; welcher Hebel im Einzelfall am meisten bringt, rechnet der Rechner jeweils neu aus. Eine allgemeine Rangfolge gibt es nicht: Ob Chemie oder Mechanik vorn liegt, hängt an der Fettart und daran, wie stark die Anlage ohnehin anströmt.
Wer sie für den eigenen Betrieb bestimmen will, braucht zwei Versuchsblöcke und etwa einen Arbeitstag:
Bei Aluminium trägt das Entfettungsbad meist gleichzeitig Metall ab. Das ist keine Verfeinerung der Reinigungsgleichung, sondern eine zweite Bedingung daneben, und sie folgt einer anderen Logik.
Anders als beim Restfett gibt es hier einen echten Messwert im Betrieb. QUALICOAT verlangt ihn als Gewichtsdifferenz am Prüfblech aus AA6060 oder AA6063: wiegen, durch den Prozess fahren, entschichten, wieder wiegen. In den Vorschriften heisst die Grösse Beizgrad, in der Fachliteratur meist Beizabtrag. Gemeint ist dasselbe.
Weil dieser Messwert existiert, braucht der Beizteil des Rechners keine Kalibrierung aus dem Nichts: Er verschiebt einen gemessenen Punkt, genau wie der Rest des Rechners die Lieferantenvorgabe verschiebt.
Der Abtrag verläuft linear mit der Zeit, anders als das Fett, das exponentiell abklingt, und temperaturabhängig nach Arrhenius, derselben Gleichung wie oben:
Abtrag [g/m²] = r₀ · fT(T) · (c/c₀)n · fpH · t
r₀ ist der gemessene Abtrag am Sollpunkt. Für die Aktivierungsenergie setzt der Rechner 50 kJ/mol für den alkalischen Weg an (Literatur für Aluminium in Natronlauge zwischen 15 und 45 °C werden 45–51 kJ/mol gemessen; über alle Legierungen, Konzentrationen und Temperaturbereiche hinweg streut die Literatur allerdings weit, von rund 40 bis über 90 kJ/mol). Für den sauren Weg steht derselbe Wert. Dazu unten mehr. Der Konzentrationsexponent n ist 1,0, also linear: halbe Beizmittelkonzentration, halbe Beizrate. Das ist der auffälligste Unterschied zur Reinigung, wo der Ertrag mit steigender Dosierung abnimmt.
Sauer gebeizt wird unter pH 4, mit Fluorid: Flusssäure oder komplex gebundene Fluoride. Die Betriebsregel lautet „je tiefer der pH, desto besser", und dahinter steckt kein Erfahrungswert, sondern eine Tabellenzahl: Flusssäure ist eine schwache Säure mit pKs 3,17. Angreifend wirkt der undissoziierte Fluorwasserstoff, und wie viel davon frei vorliegt, hängt allein am pH.
| pH | Anteil freier Fluorwasserstoff |
|---|---|
| 2,00 | 93,7 % |
| 2,50 | 82,4 % |
| 3,00 | 59,7 % |
| 3,17 | 50,0 % |
| 4,00 | 12,9 % |
| 5,00 | 1,5 % |
Das erklärt beide Enden: warum unter pH 4 gearbeitet wird, und warum es unter pH 2 kaum noch etwas bringt, weil dort schon fast alles aktiv ist. Ein pH von 1 statt 2 kostet Säure und Anlagenverschleiss für sechs Prozent mehr Wirkung.
Aus dem linearen Konzentrationsglied folgt etwas, das der wichtigsten Aussage des Entfettungsteils direkt widerspricht, und deshalb festgehalten gehört. Verglichen werden zehn Grad mehr und die doppelte Dosierung:
| Wirkung auf … | +10 °C | doppelte Dosierung |
|---|---|---|
| den Beizabtrag | 1,69 | 2,00 |
| die Reinigung: Dünnflüssiges Öl, Kühlschmierstoff | 1,49 | 1,35 |
| die Reinigung: Fett, Wachs, Ziehfett (bei Raumtemperatur fest) | 1,98 | 1,29 |
| die Reinigung: Eingebranntes Öl (Ölkohle) | 2,20 | 1,21 |
| die Reinigung: Polierpaste (Fett mit Feststoff) | 1,69 | 1,29 |
| die Reinigung: Korrosionsschutzöl, Konservierung | 1,61 | 1,32 |
| die Reinigung: Eingetrocknete Emulsion, Bearbeitungsrückstand | 1,78 | 1,33 |
Für die Reinigung schlägt die Temperatur die Dosierung, bei jeder Verschmutzungsart, das ist die Kernaussage des ersten Teils. Für den Beizabtrag ist es umgekehrt. Wer also am Reiniger spart, spart beim Beizen doppelt so viel weg wie beim Entfetten: halbe Dosierung heisst halber Abtrag, aber nur rund ein Viertel weniger Reinigungswirkung.
Der Grund steht in der Formel: Beim Abtrag geht die Konzentration linear ein, bei der Reinigung mit abnehmendem Ertrag und einer Grundwirkung, die auch ohne Reiniger bleibt.
Wer den Takt verkürzen will, fährt heisser. Beim reinen Entfetten ist das immer eine gute Idee. Bei der Beizentfettung muss man zwei Grössen gleichzeitig halten. Also rechnen wir die Frage sauber durch: Wir gehen 10 °C hoch und kürzen die Zeit genau so weit, dass der Beizabtrag gleich bleibt (auf 58 %). Was passiert mit der Reinigung?
| Verschmutzung | Ea in kJ/mol | Reinigungswirkung |
|---|---|---|
| Dünnflüssiges Öl, Kühlschmierstoff | 38 | −12 % |
| Korrosionsschutzöl, Konservierung | 45 | −5 % |
| Polierpaste (Fett mit Feststoff) | 50 | ±0 % |
| Eingetrocknete Emulsion, Bearbeitungsrückstand | 55 | +6 % |
| Fett, Wachs, Ziehfett (bei Raumtemperatur fest) | 65 | +18 % |
| Eingebranntes Öl (Ölkohle) | 75 | +31 % |
Heisser und kürzer fahren gewinnt nur, wenn der Schmutz temperaturempfindlicher ist als das Beizen. Der Umschaltpunkt liegt genau dort, wo die beiden Aktivierungsenergien gleich sind, mit dem Vorgabewert also bei 50 kJ/mol. Bei Ölkohle ist der Tausch ein echter Gewinn, bei dünnflüssigem Öl macht er die Sache schlechter.
Löst sich das Metall unter dem Schmutz auf, verliert der Schmutz seine Haftung, unabhängig davon, was der Reiniger tut. Das ist keine chemische, sondern eine mechanische Wirkung; der Rechner schlägt sie deshalb der Mechanik zu und nicht der Chemie.
Sie wird addiert und nicht multipliziert: Die Unterätzung wirkt auch im ruhenden Bad, wo keine Strömung da ist. Am Bezugspunkt kürzt sie sich vollständig heraus, sie braucht also wie alles andere hier keine Kalibrierung. Sichtbar wird sie erst beim Abweichen, und dann in einer unangenehmen Richtung:
Diese Punkte gehören zur Gleichung dazu. Wer sie nicht kennt, überschätzt sie:
Die vollständige Herleitung mit Versuchsplan und Literaturlage umfasst 34 Seiten. Die wichtigsten Belege:
Diese Seite ist die Kurzform. Die vollständige Herleitung steht in einem eigenen Grundlagenpapier: alle Gleichungen mit Herkunft, die Werkstoff- und Schmutztabellen, der Beizabtrag bei Aluminium, ein Versuchsplan mit 18 Proben und ein Abschnitt darüber, was das Modell nicht kann.
Ehrlich dazugesagt: Das Papier ist eine Herleitung, keine Messreihe. Die Parameter in den Tabellen sind begründete Startwerte für eigene Versuche, keine Auslegungsdaten, und der eine Versuch, der das Modell widerlegen könnte, steht noch aus. Das Papier sagt an jeder Stelle, wo die Rechnung bricht.